Teil 3: Neues Gemeinschaftsleben

In der Folge wird versucht, das ortsgemeinschaftliche Leben der in Österreich und Deutschland lebenden Filipowaer zu periodisieren.

Das erste Jahrzehnt (1948-1957): Die Suche nach einem neuen Daheim

1947 Hauptfluchtjahr - Großtreffen 1951 in Linz - 1952 berufliche Gleichstellung in Österreich, Lastenausgleich in Deutschland - 1954 Treffen in Waiblingen - Erste Heimattreffen 1948-1957 jährlich in Wien - Suchdienst "St. Filipp" 1947-1948 Wien - Heimatbuch Anton Zollitsch 1957

Wenn man die Entwicklung des ortsgemeinschaftlichen Lebens der Filipowaer nur lose nach soziologischen Gesichtspunkten prüft, stellt es sich heraus, dass sich ein ortsgemeinschaftliches Leben dort entfaltet, wo eine bestimmte höhere Anzahl von Landsleuten in räumlicher Nähe beisammenwohnt, sich also sozusagen eine "kritische Masse" zusammenfindet. Zur dichteren Neusiedlung kommt allerdings - sozusagen als conditio sine qua non - auch das Vorhandensein einer oder einiger initiativer, selbstloser, konzilianter und auf Einigung bedachter Persönlichkeiten der alten Heimatgemeinde hinzu.

Als Hauptzentren haben sich herausgebildet: Wien, München-Trudering, Winnenden-Leutenbach im Raume Stuttgart und Haßloch in der Rheinpfalz.

Als Nebenzentren fungierten zeitweise: Linz-Leonding und Stadl-Paura, Albstadt-Margrethausen, Budapest und Umgebung, Philadelphia in den USA und Kitchener in Kanada.

Die Filipowaer bauen sich zu 80 Prozent ein Eigenheim. Der erste Kreis der Beheimatung ist also das eigene Heim. In ihrem neuen Heim hängen die Landsleute die Bilder auf, die das Heimatdorf, die Heimatlandschaft sowie die Verwandten und Freunde von einst in steter Erinnerung halten und somit die Liebe zur alten Heimat in die neue herüberretten.

Das zweite Jahrzehnt (1958-1967): Die Suche nach neuer Identität

Filipowaer Heimatbriefe ab 1961 - 1963 in Fellbach: 200-Jahrfeier der Ansiedlung Filipowas - Gründung des "Vereins der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich" 1965 - Erste Totengedenkfeier 1966 in Wien zum 21. November 1944 fortab jährlich im November - Großfest "20 Jahre neue Heimat" 1967 in Wien

Nachdem sich die Filipowaer Eltern- und der Großteil der Filipowaer Kindergeneration in ihren neuen Heimatländern beruflich und häuslich einigermaßen zurechtgefunden hatten, wurden offenbar neue seelische Energien frei, die die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? verstärkt aufbrechen ließen. Es drängte die wachen Geister, ihre neue Identität zu finden und neu zu definieren - so könnte man nach heutigem Sprachgebrauch sagen. Die seelische Ausgangslage war schwierig: Sollte man sich gegenüber der Kultur der neuen Heimatländer als Kind einer weniger wertigen Kultur vorkommen und sich daher möglichst rasch assimilieren, das heißt möglichst umgehend Deutscher oder Österreicher werden? Oder sollte man sich als Träger einer einst anderen, aber keineswegs weniger wertigen Kultur vorkommen und ein starkes Herkunftsbewusstseins pflegen? Konnte man sich sozusagen integrieren, also Deutscher oder Österreicher mit einem deutlichen donauschwäbischen "Einschlag", einer vorzeigbaren donauschwäbischen Identitätskomponente werden und somit, ausgestattet mit einer zusätzlichen Identitätsschicht, erweiterte Möglichkeiten zum Vollzug des eigenen Lebens haben?

Viele, freilich nicht alle, gingen diesen Weg, vor allem solche, die noch in der alten Heimat, also 1944/45, das Pubertätsalter erreicht hatten. Die Geburtsjahrgänge bis einschließlich 1931 trafen sich zu "Jahrgangstreffen".

Das dritte Jahrzehnt (1968-1977): Die Teilortsgemeinschaften im Bestreben, dem Gemeinschaftsleben Gestalt zu geben.

Ausschuss für die Stiftung von DM 10.000 für das "Haus der Donauschwaben 1969 in Winnenden gebildet - "Heimatausschuss Pfalz" 1971 gebildet - Großes Treffen in Hassloch/Pfalz - Großtreffen "25 Jahre neue Heimat" 1972 in Wien mit 1500 Teilnehmern das größte "Heimattreffen" - 1973: Schaustellung eines Hochzeitszugs in Filipowaer Tracht auf der Fremdenverkehrsmesse in Wels - Ab 1975 Jahrgangstreffen der Geburtsjahrgänge 1920-1931

Mit dem Großtreffen in Wien 1967 sind die Maßstäbe für künftige Großtreffen gesetzt. Das nun gewonnene Selbstbe-wusstsein trägt für die ganze ortsgemeinschaftliche Arbeit Früchte. Man weiß, dass man auch in einem großen Maßstab Eigenleben schaffen und zur Darstellung bringen kann: für viele, bewusst oder unbewusst wohl für mehr als die Hälfte der gebürtigen Filipowaer, bekommt das Integrationsideal Vorrang vor dem Assimilationsmuster.

Das dritte Jahrzehnt, das die Filipowaer in den neuen Heimatländern zubringen, lässt sich wohl am besten dahingehend charakterisieren, dass man sagt: Ab etwa 1968 beginnen sich Teilortsgemeinschaften in Winnenden und in der Pfalz zusätzlich zu Wien zu etablieren und viel intensiver als vorher das Gemeinschaftsleben zu planen und zu gestalten. Man entdeckt die eigenen gestalterischen Kräfte und Möglichkeiten. Es ist auch das Jahrzehnt, in dem sich "neue Bräuche" einspielen, wie etwa Totenfeiern, Jahrgangstreffen und Busfahrten.

Das vierte Jahrzehnt (1977-1987): Heimatgeschichtliche Dokumentation und länder-übergreifende Integration, erstarkendes Geschichtsbewusstsein

Großtreffen in Speyer1977 - Filipowaer Bildbände ab 1978 - Fernsehfilm: "Ein Dorf in der Batschka" 1981 - Arbeitsgemeinschaft Filipowa ab 1983 jährlich - 1983: Großtreffen in Speyer - Totenfeier in Wien 1984 in Erinnerung an die 212 Opfer des 25. November 1944 - 1985 Großtreffen in Wien: "40 Jahre Vertreibung"

Ab etwa dem Jahre 1977 ist im ortsgemeinschaftlichen Leben der Filipowaer wieder eine deutliche Zäsur feststellbar. Es beginnt - erstens - die Zeit einer verstärkten länderübergreifenden Integration im Sinne eines öfteren Zusammenkommens und einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen den Zentren Wien, München, Winnenden-Leutenbach und der Rheinpfalz, wobei sicherlich zunächst die Idee, Jahrgangstreffen der Filipowaer Geburtsjahrgänge zu veranstalten, eine gewisse Initialzündung auslöste. Als erste kamen 1975, wie schon erwähnt, die 1930er zur Feier ihres 45. Geburtstages in München-Trudering zusammen. Schon beim Kirchweihfest in Leutenbach 1976 machte es der Jahrgang 1926 nach und schuf einen Standard mit der Feier des "Fünfzigers", der in der Festfolge den großen Feiern glich. 1977 setzte sich die Serie der Fünfziger-Treffen mit dem Jahrgang 1927 fort.

Das Jahr 1977 sollte auch die Geburtsstunde der Idee einer verstärkten Dokumentation der Heimatgeschichte und der Kriegs- und Vertreibungsopfer in Form von eigens hiefür verfassten Büchern bringen, so dass die nächsten Jahre des ortsgemeinschaftlichen Zusammenwirkens mit Recht als eine Periode der heimatgeschichtlichen Dokumentation charakterisiert werden dürfen.

Das fünfte Jahrzehnt (1987-2000): Verstärkte Selbstdarstellung aus dem Erinnerungswürdigen der altheimatlichen Lebenswelt und verstärktes Bedürfnis nach Rehabilitierung

Auffallend die Regelmäßigkeit, mit der die Großtreffen in einem zweijährigen Abstand auftreten. Die Aufforderung dazu und die Programmerstellung erfolgt durch die Arbeitsgemeinschaft Filipowa. Die Feste zeigen ein eingespieltes Muster: Totenehrung meist Samstagabend, in feierlicher Form, sonn-tägliche festliche Messe unter Einbezug altheimatlicher Kirchenlieder, nachmittäglicher Festakt mit Festrede, die nach der Wende 1989 zunehmend mehr die moralische und rechtliche Rehabilitation seitens der Vertreiberstaaten einfordern. Neben das Wiedersehen der Freunde und das Aufleben der Gemütskräfte der Vereinsamten trat stets auch eine Fest-Devise, die geistige Orientierung, gewissermaßen Zukunftshorizont, geben sollte (So etwa: "Wir lieben die Heimat und erwarten Gerechtigkeit").

Das Absinken der Teilnehmerzahl von 600 zu Anfang der 1990er Jahre auf 400 zu Ende dieser Dekade und das Ausbleiben der nach der Vertreibung Geborenen "Nach-folgegeneration" führte allerdings um die Jahrtausendwende zu Ergebnis, dass die einzelnen Teilortsgemeinschaften nicht mehr in der Lage waren, ein Fest in gewohnter Weise zu veranstalten. So einigte man sich, beginnend mit 2001, auf den fixen Ort Chieming am Chiemsee in Bayern, an dem in zweijährigem Rhythmus das Großtreffen gefeiert werden sollte. Die Devise lautet nunmehr: Hinein mit Schriften in die Bibliotheken und Dokumenten in die Archive, um eine "zweite Vertreibung" zu verhindern, nämlich die Vertreibung aus der geschichtlichen Erinnerung.

Die ARGE-Filipowa ist eine für die Filipowaer offene Runde, die sich ein Statut gegeben hat und für die Ortsgemeinschaft verantwortlich wirkt. Das Aktivsegment, das sich hier zusammen-findet, besteht aus etwa 30 Personen die jährlich eine zweitägige Klausur abhält und dabei vor allem über die Gestaltung der Heimatbriefe, die Herausgabe, Finanzierung und den Vertrieb der Publikationen berät und beschließt und die Großtreffen systema-tisch plant. Sie sorgt für das ortsgemeinschaftlichen Leben, selbst 55 Jahre nach der Vertreibung, knüpft Verbindungen zu kreativen Kräften der alten Heimat und sorgt, so lange das Alter der aktiven es erlaubt, für die "Selbstdarstellung aus dem Vollzug des Bleibenden der einstigen Kultur und Lebensweit".

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