50 Jahre Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich

2014 und 2015 sind wichtige Marksteine in der Filipowaer Nachkriegsgeschichte. So liegen der Zeitpunkt der Vertreibung aus der alten Heimat sowie die Hinrichtung von 212 Männern auf der Heuwiese nunmehr 70 Jahre zurück. Gleichzeitig sind bereits 50 Jahre vergangen seit der Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich gegründet wurde. Was lag daher näher, als eine entsprechende Veranstaltung auszurichten, welche sich mit der Geschichte von Filipowa befasst und gleichzeitig eine Feier mit FilipowaerInnen und Nachkommen stattfinden kann? Eine Möglichkeit des Treffens und der Weitergabe von Information an Nachkommen und Interessierte?

Wie bereits lange angekündigt und vorbereitet fanden also am 1. und 2. Mai 2015 die Feiern zu 50 Jahre Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich statt. Vorweg sei gesagt: Wir sind freudig überrascht, dass so viele Menschen dieser Einladung gefolgt sind und durch ihr Kommen die Veranstaltungen mit Interesse, Freude und Leben gefüllt haben. Ihnen allen, den tatkräftigen HelferInnen und MitorganisatorInnen sowie den UnterstützerInnen und FörderInnen gilt unser großer Dank! Alle gemeinsam, verteilt über drei Generationen, haben zum Gelingen eines ambitionierten Vorhabens beigetragen. Zum Ende waren sich alle sicher: Die großen Mühen und Anstrengungen haben sich gelohnt! Aber alles der Reihe nach! Den Beginn des Veranstaltungsbogens machten jene, die heute in der alten Heimat leben:

Die serbischen Gäste

Bereits am 30. April machten sich zwei Autos aus Hodschag und Sombor zu einer Reise nach Wien auf. Elf serbische Gäste waren eingeladen, an den Feiern teilzunehmen und für deren Verdienste um die Völkerverständigung und bei der Errichtung der Gedenkstätten geehrt zu werden. Darunter Dusan Marijan, aktueller Bürgermeister der Großgemeinde Hodschag mit seinem Stellvertreter Miroslav Kondic. Weiters der ehemalige Bürgermeister Predrag Cvetanović mit seinem damaligen Stellvertreter, Dr. Đorđe Bogdanović unter deren Amtszeit die Errichtung des Denkmals auf der Heuwiese bewilligt wurde. Weitere wichtige Personen wie Erzdekan Josef Pfeifer, Direktor Dragan Stefanovic von der Genossenschaft „Jedinstvo“ nahmen die Einladung gerne an und auch die Vertreter des Deutschen Verein in Odzaci, Anton Kammerer und Stevan Miler (mit Frau Smilja) und Anton Beck vom Gerhardswerk/Sombor mit Gattin Marija waren bei der Reisegruppe dabei.

Nach der Unterbringung im Hotel ging es zunächst auf den Kahlenberg, wo man einen herrlichen Blick über die Wienerstadt hat. Ein erster Vorgeschmack auf den nächsten Tag, der direkt im historischen Herzen von Wien stattfand. Anschließend eine Fahrt durch den Wienerwald, am Schloß Schönbrunn vorbei und schließlich nach Brunn am Gebirge. Dort klang der Abend beim Heurigen und in Gemeinschaft mit Mitgliedern der „Jungen FilipowaerInnen“ gemütlich aus.

Film- und Infotag „Die Welt der Donauschwaben“ am 1. Mai

Am 1. Mai begann der Veranstaltungsbogen mit dem Filmtag im CineCenter am Fleischmarkt. Mitten im ersten Bezirk gelegen, bot dieses Kino beste Voraussetzungen um den Filmen und Vorträgen beizuwohnen und gleichzeitig auch ein bisschen Zeit für das Sightseeing zu nutzen. Und wie erwartet waren die ersten Gäste schon um knapp nach 9 Uhr an der Kinokasse vorstellig um die Karten für Filme, Vorträge und Podiumsdiskussion zu kaufen. Donauschwäbische Pünktlichkeit?

Um 10 Uhr wurde der Filmtag im kleinen Kinosaal mit „Die Donauschwaben“ von Günter Moritz eröffnet. Und schon um 10:05 bei der Vorführung von „Die Donauschwaben am Beispiel des Dorfes Filipowa“ von Heinrich Eich war klar, dass das große Interesse an den Filmen mit direktem Filipowabezug lag. Etwa hundert interessierte ZuseherInnen sahen diesen aufwändig digitalisierten Film. In weiterer Folge wurden die Dokumentationen „Schicksal der Donauschwaben“ (SWR), „Das vergessene Volk - Eine Geschichte der Donauschwaben“ (ORF) und „Ein Dorf in der Batschka“ (WDR) gezeigt. Teilweise ist in diesen Filmen auch Originalfilmmaterial aus 1938 enthalten, welches der aus Filipowa in die USA ausgewanderte Franz Beiter in dankenswerter Weise über Familien-, Kultur- und Alltagsleben in Filipowa gedreht hatte. „Die letzte Reise der Donauschwaben - Besuch in der alten Heimat“ des Wiener Regisseurs Konstantin Konstantinou komplettierte den Bogen mit Filmen mit Filipowa-Bezug. Das Filmdokument beschreibt eine Filipowaer-Busreise von Wien in die alte Heimat und schlägt dabei erstmals auch einen expliziten Bogen zur Nachkommensgeneration.

Parallel dazu liefen „Die Hechwaldkinder/About a village“ des amerikanischen Historikers und Regisseurs Dr. Swanson. Er selbst war bei der Vorführung anwesend und gab im Anschluss gerne Auskunft an interessierte ZuseherInnen. Es folgten „Podunavske Švabe/Donauschwaben“, eine Spieldokumentation von Marko Cvejić, einem serbischen Regisseur. Und dann noch „Die Lebenden“ ein besonders interessanter Spielfilm der siebenbürgisch/donauschwäbisch-stämmigen Regisseurin Barbara Albert.

Hoch erfreulich war auch, dass das umfangreiche Filmangebot nicht nur die FilipowaerInnen ansprach, sondern dass auch zahlreiche andere interessierte Personen an diesem Filmtag teilnahmen. Damit entfaltete dieser Tag auch eine eigene Wirkung über die Dorfgemeinschaft hinaus.

Besonders großes Interesse weckten dann die Vorträge der internationalen Historiker und die nachfolgende Podiumsdiskussion. Auch unsere serbischen Gäste, welche während des Filmtages die historische Innenstadt von Wien erkundet hatten, waren mit großem Interesse zugegen. Die Inhalte der Vorträge und der Podiumsdiskussion sollten neue Blickwinkel bei der geschichtlichen Aufarbeitung ermöglichen und gerade bei den Nachkommensgenerationen war hier reges Interesse sichtbar.

Dr. Zoran Janjetovic vom Institut für neuere Geschichte Serbiens, Belgrad eröffnete mit seinem Vortrag „Die Deutschen in der Vojvodina in Augen der jugoslawischen Behörden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg“. Das Publikum hatte Gelegenheit zur Klärung von Fragen und nach einer kurzen Pause folgte der Vortrag von Dr. Gerhard Seewann von der Universität Pecs über „Die Heimat unter der Diktatur des Nationalstaates und der Volksgemeinschaft - Jugoslawien, Ungarn und das Dritte Reich“. Und wieder beteiligte sich das Publikum mit interessierten Fragen und Rückmeldungen.

 Vortrag Dr. Janjetovic deutschVortrag Dr. Janjetovic serbischVortrag Dr. Seewann

Schließlich eröffnete Moderatorin Maga Gudrun Gutt von der ORF - Auslandsredaktion die Podiumsdiskussion „Verlorene Heimat - Verklärte Geschichte?“. Neben den Historikern Dr. Gerhard Seewann und Dr. Zoran Janjetovic war der bekannte Filipowaer Dr. Josef Franz Thiel, Autor „Fremd zu Hause“ und „Die filpwarisch Schprooch“ eingeladen. Ergänzt wurde die Runde durch Frau Annemarie Albert, welche Ihre krankheitsbedingt verhinderte Tochter, Filmregisseurin Barbara Albert, vertrat. Und zu guter Letzt noch Peter Reiss-Eichinger von den „Jungen Filipowaern“, der gemeinsam mit Obmann Stefan Eichinger und vielen anderen Mitgliedern des Vereines maßgeblichen Anteil an der Ausrichtung dieser mehrtägigen Feierlichkeiten hatte.

 Die mit großem Interesse verfolgte Podiumsdiskussion zeigte auf, dass die Bevölkerung von Filipowa und auch die Donauschwaben nicht nur als homogen harmonische Gruppe zu sehen sind. Es handelte sich auch um eine gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich mehrschichtige Volksgruppe, in der sich beispielsweise Menschen aus ökonomischen Gründen zur Auswanderung gezwungen sahen, in der auch tiefgehende politische Gegnerschaften und sogar damit verbundene politische Verbrechen bestanden. Auch stand die Frage im Raum, wie die landwirtschaftlich geprägte Ortschaft den Weg in eine Zukunft hätte schaffen können, in der im Rahmen der Industrialisierung des Agrarlebens und wegen der Betriebsverkleinerungen in Folge des Erbrechtes zahlreiche bäuerliche Betriebe hätten zusperren müssen.

Als Ergebnis der Podiumsdiskussion kann gesehen werden, dass es wichtig ist, diese Themen anzusprechen, auch wenn dabei sensible Punkte der Ortsgeschichte berührt werden. Die Wünsche vieler FilipowaerInnen und deren Nachkommen liegen in einem realistischen, ungeschönten Geschichtsbild. So schwierig die innerdörfliche Geschichte manchmal auch sein mag – An der Erinnerung, Liebe und Sehnsucht nach der alten Heimat ändert dies nichts. Im Gegenteil hilft es den Nachkommensgenerationen einen unaufgeregten, objektiven Blick auf die eigene Geschichte zu werfen.

Im Anschluss war das Diskussionsinteresse so groß, dass sich der Kinosaal nur sehr langsam leerte und der letzte Film erst mit kurzer Verspätung starten konnte. Der erfolgreiche, vielfältige Filmtag fand damit seinen würdigen Abschluss. Als ausdauerndste FilmbesucherInnen sollten die Schwestern Rosalia und Maria Eichinger hervorgehoben werden, welche von Beginn bis beinahe Ende der Veranstaltung, also mehr als elf Stunden, mit großem Interesse dabei waren. Und dies obwohl Rosalia Eichinger bereits im April Ihren 90. Geburtstag feierte. Der Film- und Infotag wurde insgesamt von etwa 250 BesucherInnen genutzt.

Feierlichkeiten zu 50 Jahren Verein der Filipowaer in Österreich, 2. Mai 2015

Am Samstag fanden schließlich die offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten des Vereines statt. Wie bei den FilipowaerInnen üblich, wird dies jedenfalls auch im kirchlichen Rahmen gefeiert. So fand die Festmesse in der Pfarrkirche Hl. Kreuz in 1210 Wien statt. In Konzelebration von Prälat Mag. Josef Eichinger und Erzdekan Jakob Pfeifer wurde gemeinsam mit etwa 250 TeilnehmerInnen die Heilige Messe gefeiert. Unter Ihnen die serbischen Gäste.

Der Kirchenchor aus der Nordrandsiedlung begleitete mit wunderbaren Liedern die Messe gemeinsam mit Organist Clemens Schepers.

In der Predigt spannte Prälat Eichinger einen Glaubens-Bogen von Filipowa über Vertreibung und Verschleppung bis in die neue Heimat, Vereinsgründung und wieder zurück nach dem jetzigen Bački Gračac, das nun über eine orthodoxe Kirche verfügt und wo der christliche Glaube somit weiterlebt.

„Das Kirchengebäude von Philippus und Jakobus ist weg. Ist uns abhanden gekommen. Den Glauben aber haben wir bewahrt, als „Kirche aus lebendigen Steinen“, sagte er treffend gegen Ende seiner Predigt.

Predigt Praelat Mag. Eichinger

Diese „Kirche aus lebendigen Steinen“ stellte sich schließlich zu einem Foto auf. Auf Grund der großen Menschenzahl war es praktisch unmöglich, alle gemeinsam auf ein Bild zu bekommen…..

Festakt

Im Anschluss an die Messfeier ging es in den Pfarrsaal. Ein reichhaltiges Buffet wartete auf die Gäste. Womit jedoch nicht gerechnet wurde, war die große Zahl der TeilnehmerInnen. Die vielen Gäste machten es nötig, dass noch mehrere zusätzliche Tische aufgestellt werden mussten, damit alle Platz fanden. Die zahlreichen HelferInnen aus dem Verein der Filipowaer sorgten dafür, dass alle Festgäste gut versorgt waren. Raimund Eichinger moderierte in bewährter Weise die Veranstaltung. Parallel dazu liefen in einem Nebenraum Filme über die erste Busreise des Vereins nach Filipowa, über die Trachtenhochzeit beim „Großen Treffen“ und der Film von Franz Beiter aus 1938 über Filipowa.

Nach dem Mittagessen folgten die Festreden durch Obmann Stefan Eichinger, Dr. Georg Wildmann und Prof. Dr. Josef Franz Thiel. Das Publikum nahm interessiert Anteil an den Reden. Der Vortrag von Prof. Thiel in „filpwarer“ Mundart kam dabei beim Publikum besonders gut an.

Festansprache Dr. WildmannFestrede Obmann EichingerVortrag Josef Franz Thiel - Erinnerung eines Dreizehnjährigen

Im Anschluss an die Reden wurden dann die Ehrungen vorgenommen. Diese führten Obmann-Stellvertreterin Angela Pauer und Dr. Peter Eichinger, Kassier der ARGE Filipowa aus Stuttgart, durch. Geehrt wurden Personen, welche sich im Besonderen um die Errichtung der Denkmäler am Friedhof von Filipowa und auf der Heuwiese verdient gemacht haben. Neben den serbischen Gästen, Obmann Stefan Eichinger und Prälat Josef Eichinger waren dies auch Einzelpersonen wie Peter Blaha, der aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen konnte und das Ehepaar Agnes und Adam Kupferschmidt, das sich für die Veranstaltung entschuldigen ließen. Die Geehrten erhielten ein holzgerahmtes Glasbild mit dem eingebrannten Bild der Filipowaer Kirche. Die serbischen Gäste waren über die Ehrungen sehr erfreut. Bürgermeister Marijan richtete Worte des Dankes an die Festgemeinschaft und bekräftigte, dass die Filipowaer gerne gesehene Gäste in der alten Heimat sind. Den abwesenden Geehrten werden die Glasbilder zugesandt.

Nach diesen Ehrungen fand Obmann Stefan Eichinger Worte des Dankes an verdiente Mitglieder des Vereines. Im Besonderen bedankte er sich bei Dr. Wildmann für seine jahrzehntelange Arbeit im Dienste der Geschichte Filipowas und bei Prälat Mag. Josef Eichinger, den Seelsorger und religiösen Begleiter der großen Filipowaer Gemeinschaft. Beide –so wie Obmann Stefan Eichinger- Filipowaer Vereinsgründungsmitglieder der ersten Stunde.

Ehrungen von Vereinsmitgliedern durch Obmann Eichinger

Im Anschluss wurden weitere Vereinsmitglieder für deren Arbeit und Engagement geehrt. Schließlich endete ein langer und ereignisreicher Festtag im geselligen Beisammensein.

Am Sonntag trafen sich die serbischen Gäste noch mit VereinsvertreterInnen zu einem Gespräch mit anschließendem Mittagessen und fuhren mit guten Erinnerungen und der Einladung auf ein Wiedersehen in die Vojvodina zurück.

Der Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich ist stolz, diese anspruchsvolle Veranstaltungsreihe durchgeführt zu haben. Dank finanzieller Unterstützung durch Organisationen und aus öffentlichen Mitteln konnten diese Veranstaltungen mit Erfolg durchgeführt und abgeschlossen werden. Zahlreiche Freunde aus Österreich, Deutschland, Serbien, Ungarn und den Vereinigten Staaten haben mit uns gefeiert. Es war uns allen eine große Freude diese Gäste hier gehabt zu haben.

Ohne die engagierte Arbeit von drei Generationen an FilipowaerInnen wäre dies alles jedoch nicht möglich gewesen. All diesen HelferInnen, die sich am Gelingen der Veranstaltung beteiligten, sei an dieser Stelle größter Dank ausgesprochen. Darin zeigt sich, dass der Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in Österreich nicht nur ein Verein, sondern vor allem eine echte Gemeinschaft ist.

Letzte Änderung am Dienstag, 16 Juni 2015 09:45

Vertreibung

Teil 1: Vertreibung

Vor Beginn des Jugoslawienkrieges 1941 wurden vier führende Persönlichkeiten der Ortsgruppe des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes von den jugoslawischen Behörden als Geiseln...

Weiterlesen

Die Eckdaten der Ortsgeschichte

Teil 2: Die Eckdaten der Ortsgeschichte

Nicht mit dem Schwert, mit der Pflugschar erobert; Kinder des Friedens, Helden der Arbeit!

Weiterlesen

Neues Gemeinschaftsleben

Teil 3: Neues Gemeinschaftsleben

In der Folge wird versucht, das ortsgemeinschaftliche Leben der in Österreich und Deutschland lebenden Filipowaer zu periodisieren.

Weiterlesen